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7 Tage mit dem Esel unterwegs: Tag 1-3

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Wir beginnen unsere 7-tägige Tour mit dem Esel im Ort Le Berbois und ziehen durch zahlreiche Landschaften, Wiesen und Felder und passieren zahlreiche kleinere Ortschaften; Wir sind jeden Tag über 5 Stunden unterwegs. Los gehts also in Le Berbois, zuvor stellen wir aber erst mal unseren Esel namens Kitch vor.

1.Tag: Von Le Berbois nach Giron zum Gite La Grange de L'Errance

Seit unserer Wanderung mit Artur sind 12 Jahre vergangen, nun bin ich zum 5. Mal im Jura. Diesmal mit meiner Frau. Nach den Erlebnissen im Morvan hat sie sich bisher strikt geweigert noch einmal mit einem Esel auf Tour zu gehen. Aber diese Wanderung hat sie mir zu meinem 60. Geburtstag geschenkt. Die Überraschung war ihr absolut gelungen. Nun haben wir in den nächsten 7 Tagen vor, den Spuren meiner bisherigen Jurawanderungen zu folgen.

Es regnet heftig als wir unseren Esel Kitch von der Weide holen und in Le Berbois reisefertig machen. Als wir aufbrechen hat der Regen Gott sei dank nachgelassen, beim Erreichen des geschichtsträchtigen Borne au Lion hat es sogar ganz aufgehört zu regnen. Ein Partisanen-Denkmal für die Opfer des 2. Weltkrieges krönt die Höhe und etwas unterhalb des Weges fällt der Blick auf einen alten Grenzstein. Am Borne au Lion befand sich früher der Grenzverlauf zwischen Frankreich und Savoyen. Der Stein zeigt den Löwen als Wahrzeichen der Franche-Comté und die königlichen Lilien Frankreichs. Beides kaum noch zu erkennen, der Zahn der Zeit hat kräftig daran genagt. Die Franche-Comté (Freigrafschaft Burgund, oder auch Hochburgund) ist eine von 26 Regionen Frankreichs. Sie setzt sich zusammen aus den Départements Jura, Doubs, Haute-Saône und dem Gebiet von Belfort.

Gestatten, mein Name ist Kitch Partisanen-Denkmal am Borne au Lion und die Jurakette des Balcon du Léman

Mittlerweile haben sich die Wolken etwas gelichtet, bisweilen zeigt sich sogar die Sonne und so können wir die schöne Aussicht genießen. Vor uns liegt eine offene Wiesenlandschaft, deren Gelände steil ins Tal von Valserien abfällt; Auf der gegenüberliegenden Talseite der ca. 1500 Meter hohe Bergrücken Balcon du Léman aus dem sich nur wenige Kilometer weiter nördlich mit dem 1719 Meter hohen le Reculet der höchste Berg des Jura erhebt.

Am Borne au Lion biegen wir ab auf den Wanderweg GR 9. In südwestlicher Richtung folgen wir ihm für einige Kilometer durch den Wald. An manchen Stellen werden die Bäume etwas lichter und erlauben den Blick ins Tal der Semine. Dort unten liegen zwischen Wiesen verstreut einige Häuser. Verschiedene Geräusche dringen zu uns nach oben. Kitch findet das offensichtlich recht interessant, denn zum ersten Mal bleibt er stehen, stellt die Ohren und kreiselt damit horchend in alle Himmelsrichtungen und setzt sich unaufgefordert auch schon wieder in Bewegung.

Kitch benimmt sich bisher wirklich tadellos, auch sein Marschtempo ist angenehm. Es ist nämlich kaum zu befürchten, dass ein Esel zu sehr aufs Tempo drückt. Eher wünscht man sich er würde mal einen höheren Gang einlegen. Allerdings gilt auch hier: Keine Regel ohne Ausnahme und bergauf oder bergab wäre man manchmal froh, wenn das Langohr ne Bremse hätte. Auf jeden Fall muss einem klar sein: "Eselwandern" bedeutet, dass der Mensch mit dem Esel wandert und nicht etwa umgekehrt! Hat man das begriffen, erleichtert das die Sache ungemein.

Was die Fresslaunen betrifft bin ich allerdings auch auf dieser Wanderung wachsam. Zwar ist hier im Wald die Versuchung nicht so groß, aber im Vorübergehen lässt Kitch so dann und wann schon mal einen grünen Buchenzweig in seinem Maul verschwinden. Als uns dann beim Durchqueren einer Waldlichtung das saftiges Frühjahrsgrün einer Wiese entgegen leuchtet, steigere ich meine Wachsamkeit. Wir passieren die ersten Meter der grünen Köstlichkeit - und schon habe ich Kitsch fest am Halfter als sein Kopf nach unten gehen will. Überrascht oder beleidigt bleibt er stehen und versucht es gleich noch einmal, aber ich habe ihn fest im Griff. Unter Streicheln und mit sanfter Stimme bitte ich ihn solchen Unsinn zu lassen. Nach einem munteren "Allez" setzt er sich wieder in Bewegung.

Von der Felskante La Roches Fauconière der Blick auf das Dorf Belleydoux Der Felsenkessel von Orvaz Ute und Kitch. Erste Annäherungsversuche

Wenn der GR 9 das kleine Landsträßchen D48a welches La Pesse mit Giron verbindet erreicht, hat man die Qual der Wahl: Bleibt man weiter auf dem GR 9 um vom 1146 Meter hoch gelegenen Aussichtspunkt Les Avallanches einen Blick in den 500 Meter tiefer gelegenen Talkessel von Champfromier zu werfen, oder wählt man die kürzere Strecke nach Giron über den schroffen Felsabsturz von La Roches Fauconière der einen Blick in den Felsenkessels von Orvaz erlaubt.

Heute wählen wir den Weg über Les Avallanches. Allerdings kann man auf Grund der Wetterlage nicht unbedingt auf gute Sicht hoffen. Sonne und Regenwolken kämpfen noch miteinander. Deshalb wählen wir kurz vor Les Avallanches für unsere Mittagsrast eine Waldlichtung mit 2 Hütten aus grob gehauenen Steinen. Eine davon bietet einen regensicheren Unterschlupf, was im Bedarfsfall nicht zu verachten ist. Wir genießen die Stille des Waldes, beobachten die Schmetterlinge welche auf der Lichtung unterwegs sind und Ute macht den ersten Versuch um mit Kitch Freundschaft zu schließen.

Aussichtspunkt Les Avallanches. Blick in den Talkessel von Champfromier Waldlichtung Sur les Crêtes mit den Ausläufern des südlichen Jura Jurapanorama und das Dorf Giron

Nun folgt der Abstecher zum Aussichtspunkt Les Avallanches. Über uns scheint mittlerweile öfter die Sonne, im Südosten hängen aber immer noch schwere Wolken, die sich von den Bergen bis tief ins Tal hinunterziehen. Somit können wir vom Aussichtspunkt zwar nicht das ganze Panorama überblicken, aber immerhin haben wir freie Sicht hinunter in den Talkessel von Champfromier.

Unser nächstes Ziel ist die große Waldlichtung Sur les Crêtes, welche wir auf einem schönen abwechslungsreichen Streckenabschnitt von Wald und offenem Wiesengelände erreichen. Während wir dort die herrliche Aussicht auf die südlichen Ausläufer des Jura genießen, ist das Interesse von Kitch mehr auf das saftige Grün vor seiner Nase gerichtet. Somit kommt jeder, ob Mensch ob Tier, auf seine Kosten. Wenn mich nicht alles täuscht, dann haben wir mit Kitch ein gutes Los gezogen. Sein Streben nach Grünzeug hält sich in Grenzen und sein Marschtempo ist angenehm.

Ob im ebenen Gelände, bergauf oder bergab, es bleibt praktisch immer gleich. Nach meinen bisherigen Erfahrungen keine Selbstverständlichkeit. Somit meistern wir dann auch die letzten 2 Kilometer der heutigen Etappe weiterhin problemlos. Kurz vor unserem Tagesziel mündet unser Wanderweg aus dem Wald kommend in das schon bekannte Landsträßchen D48a, welches hinunter nach Giron führt. Auf diesen letzten Metern begleitet uns ein wunderschönes Jurapanorama mit Blick auf das ca. 130 Einwohner zählende Dorf.

Unser Tagesziel, Gite Grange Errance Lydies Schlittenhunde Kitch auf der Weide von Grange Errance

Auch Lydie, die Chefin im Gite Grange Errance, genießt bei unserer Ankunft diesen Ausblick. Während wir Kitch das Gepäck abnehmen und ihn versorgen, ziehen Lydies drei wunderschöne Schlittenhunde in ihrem weitläufigen Areal ihre Begrüßungsshow ab; Ganz offensichtlich wollen sie Kitch imponieren oder zum Mitspielen animieren, aber der grast lieber friedlich auf seiner Weide.

Das Gite ist überaus gemütlich eingerichtet. Im offenen Kamin brennt ein kleines Feuer und verbreitet zum Abendessen eine wohlige Wärme. Wir sind die einzigen Gäste und lassen uns Salat mit Tomatenquiche, köstliches Rindergulasch mit Kartoffeln und Mischgemüse schmecken. Dazu steht eine Karaffe Jurarotwein auf dem Tisch. Bei Käse und Kuchen zum Nachtisch müssen wir leider passen. Es ist ein Jammer, aber es geht nix mehr rein. Satt, müde und nach unserem ersten gemeinsamen Tag im Jura rundherum glücklich, geht's in die Betten.

2.Tag: Von Giron über Belleydoux und sur la Roche nach Le Cernetrou

Auf dem Weg zum Frühstück werfen wir einen Blick vor die Tür um Temperatur und Wetterlage zu prüfen. In der Nacht hat es geregnet, aber jetzt ist es bei einer Temperatur von 13 trocken. Nur aus dem tief eingeschnittenen Tal der Semine steigen Nebelwolken auf, die sich aber so nach und nach auflösen. Mit dem Wetter könnten wir heute Glück haben.

Nach dem Frühstück sind wir gespannt wie sich Kitch anstellt, wenn wir ihn von der Weide holen. Denn verschiedene Esel, unterschiedliche Gepflogenheiten! Manche ignorieren das Pfeifen oder Locken mit dem Futtersack grundsätzlich. So nach dem Motte: Mich können die ja nicht meinen! Diese Typen muss man jeden Morgen von der Weide holen. Die einen mit List und Tücke, weil sie immer wieder versuchen auszubüxen, die anderen fressen einfach locker weiter bis man ihnen mit den Schuhen beinahe auf die Nasenlöcher tritt.

Giron und Wolken über dem tiefen Taleinschnitt der Semine Von Wiesen umgeben, das 1000m hoch gelegene Giron Ute und Kitsch, die ersten Berührungsängste sind überwunden

Dann gibt es die Pflegeleichten. Pfeifen oder rasseln mit dem Futtersack und schon kommen sie angetrabt. Oder noch besser, das Langohr steht schon bereit und erwartet dich. Unter Umständen sogar mit einem fröhlichen Iah! Kitch gehört nicht zu dieser Sorte. Er frisst in aller Ruhe am äußersten Ende der Weide und ignoriert mich. Als ich ihm aber pfeife, hebt er den Kopf, guckt und kommt angetrabt. So wiederholt sich das nun jeden Morgen; Nur am letzten Tag versagt die Methode und die Kanaille blamiert mich bis auf die Knochen.

Als Kitch reisefertig ist, geht es zunächst durch den Dorfkern von Giron. Hier ist nicht gerade der Bär los, nur selten vernimmt man hinter Türen und Fenstern gedämpfte Stimmen oder Radiomusik. Ansonsten wirkt das Dorf ausgestorben. Dann allerdings belebt sich das Szenario. Zwischen verstreuten Häusern stehen auf einer Weide 4 Esel und beobachten uns. Einer von ihnen versucht sich in Konversation. Mit geschlossenen Nüstern saugt er sein Maul voll Luft - aber sein Iah scheitert jämmerlich! Kitch ignoriert das Geschehen. Er scheint heute ohnehin etwas müde, bestimmt hat er sich auf der Weide überfressen. Kurz vor Ende des Dorfes mündet unser Wanderweg in eine saftige Wiese. Wir können uns vorstellen welche Qualen Kitch angesichts dieser Köstlichkeiten erleiden muss. Da ich fotografieren möchte, erlauben wir ihm zu fressen.. Dann geht es weiter auf einem schmaler, steilen Waldweg, der hinunter ins Tal der Semine führt. Jetzt bin ich gespannt wie Kitch diese Strecke meistert.

Drei Jahre zuvor war dieser Streckenabschnitt nicht gerade gemütlich. So angenehm das Tempo unseres Esels auf ebenem Gelände war, bergab oder bergauf hatte er immer einen ungesunden Zahn zugelegt und war nicht zu bremsen. Ich hätte was drum gegeben, wenn er zwischendurch mal stehen geblieben wäre. Aber so lange es auf dem schmalen Weg abwärts ging war nichts zu machen, zumal ich mich vor seinen Hufen in Acht nehmen musste. Nach mehr als einem Kilometer stolperten wir endlich auf die Straße nach Belleydoux, wo wir wieder zu einem normalen Tempo übergehen konnten.

Aber schon lauerte neues Ungemach. Wir näherten uns dem Viadukt über die Semine deren Rauschen tief unter uns nicht zu überhören war. Unser Esel kreiselte mit den Ohren und wurde mit jedem Schritt nervöser, kurz vor der Brücke blieb er wie festgenagelt stehen!!! Super! Wie kann man vor rauschendem Wasser nur so Schiss haben? Wir versuchten ihn zu beruhigen, aber der Vorwärtsgang des Vierbeiners war außer Betrieb. In so einem Fall hilft nur Umkehr und nach einigen Metern ein neuer Versuch starten. Diesmal blieb mein Begleiter dicht hinter dem Esel um mit einem Stock so dann und wann einen ganz leichten, aufmunternden Klaps auf dessen Hinterteil zu platzieren. Die Methode hatte Erfolg!

An einem nach Südosten geneigten Hang über dem Tal der Semine liegt das Dorf Belleydoux. Am Felsabbruch von Roches d\'Orvaz mit Blick nach Westen Ausblick in den 400m tiefen Talkessel von Orvaz und zum gegenüberliegenden Felsen la Roche Fauconnière

Mit Kitsch haben wir diese Probleme nicht und es bestätigt sich unsere Einschätzung vom Vortag. Kitch geht bergab sehr bedächtig und somit stressfrei für den Eselführer. Auch mit der Brücke hat er kein Problem. Seit das Rauschen der Semine zu hören ist kreiseln zwar auch unablässig seine Ohren, aber was er hört scheint ihn nicht sonderlich zu beunruhigen. Nach der Brücke, von der man einen schönen Blick auf Belleydoux hat, führt ein Anstieg zunächst durch Wald und später durch offenes Wiesengelände hinauf nach Gobet. Gobet ist ein kleiner Weiler der zur den etwa 290 Einwohnern der Gemeinde Belleydoux gehört. Belleydoux wird 1159 erstmals urkundlich erwähnt. Im Mittelalter gehörte es zur Oberhoheit der Grafen von Savoyen, seit 1601 gehört es zu Frankreich. 1944 wurde das Dorf von deutschen Truppen teilweise zerstört.

Digitalkamerareinigung

Gobet hinter uns lassend, beginnt der Anstieg zu den Felswänden von Roches d' Orvaz. Auch auf diesen steilen Abschnitten hat Kitch kein Interesse einen Zahn zuzulegen. Das ist wirklich nicht zu verachten, denn man kommt auch so schon genug ins Schwitzen, da braucht man nicht auch noch einen "rasenden" Esel.

Als wir den Rand des Felsenkessels erreichen hat sich die Wetterlage geändert; Es sieht nach Regen aus. Aber noch ist es trocken und so nutzen wir die schöne Aussicht hinunter in den Talkessel von Orvaz und zum gegenüberliegenden la Roche Fauconnière um eine längere Pause einzulegen. Als wir Kitch zum Aufbruch wieder beladen, beginnt es zu regnen. Also Regenhose und Regenjacke an und Kitch samt Satteltaschen mit der Plane abgedeckt. Es sind noch knappe 5km bis zu unserem Tagesziel Le Cernetrou.

Zunächst geht es weiter am Felsabbruch entlang, dann biegen wir nach Norden in Richtung La Pesse ab. Forst- und schmale Waldwege wechseln sich ab, dann liegt vor uns eine große, herrliche Weide mit grasenden Kühen. Hier sollte uns laut Karte ein schmaler Wiesestreifen an der Weide vorbei nach Le Cernetrou führen. Aber die Wiese ist futsch, zumindest auf einer Länge von etwa 100m. Hier haben schwere Trecker oder Waldfahrzeuge gewütet und ein matschiges Chaos hinterlassen. Jetzt haben wir ein ernsthaftes Problem! Das schmale Grün zwischen Matsch und Weidezaun ist für einen Esel mit Packtaschen zu eng und ein nasser Kitch würde eine Begegnung mit dem Elektrozaun nicht lustig finden.

Bleibt also nur die andere Seite. Ich teste die Sache zunächst ohne Esel, dann versuchen wir es mit Kitch. Vorsichtig und langsam, aber ohne Probleme, lässt er sich führen. Wieder auf festem Boden gilt es sich weiter durchs Gebüsch zu schlagen bevor wir noch einmal die Seite wechseln müssen. Somit das selbe Prozedere noch einmal. Zunächst geht auch alles ganz gut. Doch kurz bevor wir wieder sicheren Boden erreichen, drohen die Forderhufe von Kitch im Matsch zu versinken. Aber was macht dieser Teufelskerl? Er verlegt sein Gewicht auf die Hinterbeine und mit einem riesigen Satz stehen wir wieder auf sicherem Boden! Es ist unglaublich.

Mathilde, Thomas, Amelie und Kitch Im Innern gemütlich warm, während der Regen unaufhörlich auf die Yourte trommelt Schlafgelegenheiten

Kurze Zeit später erreichen wir bei strömendem Regen den Hof Le Cernétrou und schon stürzen, Schuhe und Jacken noch nicht richtig angezogen, drei Kinder ins Freie und begrüßen uns. Thomas, Mathilde und Amelie - 12, 7 und 3 Jahre alt - lieben Esel über alles und haben schon den ganzen Tag sehnsüchtig auf uns gewartet. Jeder will helfen. Sie bürsten, füttern und schleppen Wasser für Kitch. Als dieser versorgt ist beziehen wir unsere Yourte. Obwohl man im Jura des öfteren auf Yourten oder Tipis als Übernachtungsmöglichkeit trifft, ist es auch für mich eine neue Erfahrung. Wir richten uns häuslich ein und bringen den norwegischen Dovre-Ofen in Gang. Eine wohlige Wärme breitet sich aus und unsere nassen Wanderschuhe können trocknen.

Sitzecke in der geräumigen Yourte Mathilde, Amelie und Ute Thomas sorgt für musikalische Unterhaltung beim Essen.

Das Abendessen bekommen wir im Haus. Es gibt Salat, Kartoffeln , Paprikawurst mit Käsesoße, eine Spezialität des Jura und zum Nachtisch mit warmen Apfelstücken gefüllte Crepes, dazu Vanilleeis und Sahne. Lecker! Die Mädchen helfen beim Bedienen und Thomas begleitet unser Essen auf dem Saxophon musikalisch. Somit kommt, obwohl wir wieder die einzigen Gäste sind, keine Langeweile auf.

Die sanitären Einrichtungen sind in einer separaten Blockhütte untergebracht. Dort befindet sich auf kleinstem Raum eine Sauna, ein Whirlpool, Waschbecken, Dusche und WC. Noch bevor es dunkel wird verkrümeln wir uns in die Schlafsäcke. Unaufhörlich trommelt der Regen aufs Yourtedach, aber wir sind zu müde um uns davon lange stören zu lassen.

3.Tag: Von Le Cernetrou über Les Bouchoux und Les Fournets zum Gite La Pourvoirie

Es hat die ganze Nacht unaufhörlich geregnet. Als wir aus den Schlafsäcken kriechen hat sich daran nichts geändert. Draußen wird die Umgebung von Regenschleiern und dichtem Nebel verschluckt, die Temperatur ist auf 8C gesunken. Das kann ja heiter werden!

Ein Morgen den man am liebsten in der Yourte von Le Cernetrou verschlafen möchte Vor dem Aufbruch in Le Cernetrou. Christophe und Kitch

Somit haben wir beim Frühstück absolut keine Eile. Thomas, Mathilde und Amelie sind mit ihrer Mutter Caroline schon auf dem Weg zur Schule bzw. Kindergarten. Deshalb leistet uns Papa Christophe etwas Gesellschaft und wir erzählen ein bisschen. Während dieser Zeit ist draußen ein kleines Wunder geschehen. Der Nebel ist verschwunden und es hat aufgehört zu regnen, aber über der Landschaft hängen düstere Wolken. Als wir aufbrechen macht uns Christophe dann auch keine großen Hoffnungen, denn für den Nachmittag ist schon wieder Regen angesagt.

Blick auf La Pesse Juralandschaft zwischen zwischen Le Cernetrou und La Pesse Einsame Bauernhöfe auf der Jurahöhe

Zu Beginn unserer Etappe haben wir einen schönen Blick auf das etwa 1km entfernte La Pesse. Wir umgehen das Dorf westwärts auf gut begehbaren Feldwegen, welche gesäumt sind von herrlich blühenden Wiesen. So dann und wann treffen wir auf einsame Bauernhöfe. Um die Mittagszeit, als sich sogar manchmal zögerlich die Sonne zeigt, führt uns leicht ansteigendes Gelände auf den 1230m hohen Bergrücken Les Couloirs, wo unser Feldweg in einen schmalen Pfad über geht. Nach Westen fällt das Gelände von Felsbändern durchzogen steil ab. Hier beginnt der Abstieg nach Les Bouchoux.

Durch Wald geht der vom Regen aufgeweichte Weg steil nach unten und macht Kitch etwas zu schaffen. Immer wieder kommt er ins Rutschen, meistert aber in seiner bedächtigen Art auch diese Schwierigkeit. Als wir wieder offenes Wiesengelände erreichen fällt der Blick auf das 950m hoch gelegene Bauerndorf Les Bouchoux. Mit seinen etwas mehr als 300 Einwohnern liegt es auf einem Geländevorsprung am östlichen Talhang des Tacon, der sich schluchtartig bis zu 400m tief in die Hochfläche des Jura gegraben hat. Das Dorf nach Norden über einen sanften, von Wiesen überzogenen Talhang verlassend, erkenne ich den Streckenabschnitt wieder, der uns auf der ersten Jurawanderung einen wild gewordenen Esel Artur bescherte.

Das Bauerndorf Les Bouchoux Weideland an den Hängen des Tacontales nördlich von Les Bouchoux und das Felsband des 1130m hohen Sur la Chrochere Starke Versuchung für unseren Gepäckträger Kitch

Wir hatten eine 21km Etappe mit ordentlichen Höhenunterschieden zu bewältigen. Es war ein herrlicher Tag. Artur lief wie ein Uhrwerk, als wir uns vollkommen arglos einer Weide näherten auf der eine Eselin mit ihrem Jungen graste. Plötzlich war der Teufel los. Neben mir tobte Artur wie ein Gewittersturm und war kaum noch zu halten. Man hätte meinen können jemand traktiert sein Hinterteil mit einer Mistgabel. Es war zu befürchten, dass unser bisher so genialer Artur unter seinem gigantischen Getöse vor Erschöpfung über kurz oder lang zusammenbrechen würde. Mit geschlossenen Nüstern saugte er sich voll Luft, pumpte sich auf wie ein Blasebalg um sein haarsträubendes Iah unaufhörlich in die Landschaft zu brüllen. Er hörte sich an wie ein quietschender Dudelsack und eine aus dem Ruder geratenen Maschine.

Natürlich habe ich schon öfters Esel schreien hören, allerdings immer nur als kurzes Intermezzo, aber hier sang ein Esel sein volles Programm. Dann herrschte plötzlich wieder Stille! Das gewohnte Summen und Zirpen aus den Wiesen drang wieder an unsere Ohren. Artur hatte sich beruhigt, wich nun aber keinen Millimeter von der Stelle. Hinter dem Elektrozaun immer noch die Eselin mit Kind, davor wir, schweißgebadet von den vergeblichen Versuchen den Motor von Artur wieder anzuwerfen. Als wir schon befürchten mussten hier Wurzeln zu schlagen, rettet uns der kleine Esel. Er war es leid herum zu stehen, verschwand hinter einer Kuppe und schon war ihm Mama auf den Fersen und außer Sicht. Das war unsere Chance! Ein aufmunterndes Allez, ein ordentlicher Klaps auf das Hinterteil und schon legte Artur wieder los als wenn nichts gewesen wäre.

Heute haben wir dieses Problem nicht, dafür sammeln sich über den Jurahöhen schon wieder düstere Regenwolken. Den Aufstieg auf 1100m schaffen wir noch bei trockenem Wetter, doch kurz vor der Waldlichtung les Fournets hüllt uns dichter Nebel ein. Die Stimmung ist passend zu der düsteren Vergangenheit dieses Ortes. Hier wurden im April 1944 von den deutschen Besatzern vier französische Widerstandskämpfer erschossen.

Im Tacontal auf dem Weg zur Jurahöhe Les Fournets. Gedenkstein für erschossene Widerstandskämpfer Wiesenlandschaft in der Nähe von La Pourvoirie

Dann setzt wieder Regen ein, was die Vorfreude auf eine gemütlichen Herberge steigert. Lautstarkes Gebell von Annies und Patricks Schlittenhunden meldet unsere Ankunft in La Pourvoirie. Zum Gite gehört eine rießige Weide, aber die ist seit neuestem mit 8 Rentieren belegt. Somit muss sich Kitch mit einem kleinen Areal vor dem Haus begnügen wo er sich sichtlich unwohl fühlt, denn vom Hausdach rauscht Wasser in eine Zisterne. Mit möglichst großem Abstand und hängenden Ohren geht er auf Distanz zu diesem "Monstrum".

Wir sind wieder die einzigen Gäste, was uns bei dem anhaltend schlechten Wetter aber nicht mehr wundert. Während es draußen weiterhin unaufhörlich regnet, trösten uns Annie mit einem köstlichen Abendessen. Danach zeigen uns Annie und Patrick Bilder von ihren Renovierungsarbeiten in La Pourvoirie. Ihr Haus wurde 1870 erbaut und war von 1945 bis 1997 unbewohnt. Dann haben sich die beiden an die Arbeit gemacht und in einem bewundernswerten Kraftakt das Haus für sich und ihre zukünftigen Gäste wieder hergerichtet. Wanderer wie wir (mit oder ohne Esel), Reiter und Radfahrer auf mehrtägigen Touren machen hier Station. Besonders ideal ist die Lage von La Pourvoirie aber für den nordischen Wintersport. Mit Skilanglauf, Schneeschuhwandern und natürlich Hundeschlitten und Rentieren locken Annie und Patrick ihre Wintergäste an.

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